|
Jujuy sucht den Superstar
|

Es ist nun schon einige Monate her. Ich hatte oben in Jujuy zu tun und fand mich um zwei Uhr morgens in irgendeiner Bar wieder. Das Bier hier schmeckte, wie immer in den Tropen, nach bitterem Wasser und war lauwarm. Eine Musicbox kratzte einen Tango in die schwüle Luft, und ein paar verlorene Seelen hingen ihrer Sehnsucht nach einem anderen Leben nach.
Da fiel mein Blick auf ihn. Zuerst dachte ich, es sei mein Freund Zahl, so abgewrackt sah er aus. Ich wollte schon auf ihn zugehen und sagen: „Na, altes Nudelaug, der VfB ist auch ganz schön im Arsch, was...“, da erkannte ich ihn und wollte meinen Augen nicht trauen. Keine Rede von meinem Freund Zahl: Es war tatsächlich sk., der da einsam über einem wackeligen Tisch hing, vor ihm 2 leere Schachteln Zigaretten und ein Kakao mit Rum, angeblich schon der zwanzigste heute abend.
Ich sah in sein aufgedunsenes Gesicht und mir war klar, worüber sk. sinnierte: Er dachte zwei Saisonen zurück. Damals war er der Meister, der Boss, die Nummer 1 von Argentinien und damit von ganz Lateinamerika. Er war |
|
|
der absolute Superstar und wir alle knieten vor ihm. sk. war Glamour pur. Alle Frauen, alle Männer, und sogar der asexuelle Fenris wollten mit ihm ins Bett.
Doch das ist jetzt vorbei. Dieser Typ, der hier an diesem Tisch seinen einundzwanzigsten Kakao mit Rum bestellte, hatte nichts zu tun mit dem sk., den ich bewundert hatte: Es war ein ganz normaler Hinterwäldler aus Jujuy, der seinen Freitagabend wie üblich im Suff ertränkte.
Ich wollte ihm eine Zigarette anbieten, da sprang er auf und schrie vor einer unsichtbaren Menge: „Was wollt ihr alle noch von mir? Ich habe Euch den Titel gebracht! Versteht ihr: den Meistertitel Argentiniens hab ich in dieses Scheißkaff San Salvador geholt! Ich bin der einzige Superstar, den es in dieser Scheißgegend jemals gegeben hat! Davon wird man noch in hundert Jahren reden! Und nun lasst mich zum Teufel alle in Ruhe!“
Dann schleuderte er seinen Kakao mit Rum gegen die Wand, zeigte mir den Mittelfinger mit den Worten „Ich kenne dich, Arschloch!“, und wankte in die feuchtheisse Tropennacht hinaus.
|
|
25.10.2010 23:05 -
Bernd W. 4 -
CA Los Andes
(0.3 TK)
|
|