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De pequenino e que torce o pepino.
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Sao Paulo "O novo clássico Alvi-negro!" titelte Lance!, "Botafogo abata lo Timao!" schrieb Jornal dos Sports. Ja, einen wahrlich spektakulären, stimmungsgeladenen Kampf lieferten sich Corinthians Paulista und Botafogo Ribeirao zum Auftakt der Rückrunde der Serie A im Pacaembu.
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Schon in der ersten Halbzeit fielen ganze 7 Tore, wobei sich die Corinthians durch einen Doppelpack in der 37. Minute eine 4:3-Pausen-Führung sichern konnten. Von Beginn an gingen vor allem die Spieler aus Ribeirao sehr giftig in die Zweikämpfe, zogen selten zurück, schubsten und zupften bei jeder Gelegenheit. Auch auf den Rängen wurde es immer unruhiger, bald erschallten jedes Mal gellende Pfeifkonzerte, wenn einer der Panteras an den Ball kam. Doch noch ließ sich die Heimmanschaft nicht auf das brutale Spielniveau der Gäste herab, ging den Zweikämpfen eher aus dem Weg und versuchte spielerisch zu überzeugen. Einem sehr zurückhaltend agierenden Schiedsrichter war es zu verdanken, dass zum Anpfiff der zweiten Hälfte immer noch alle 22 Spieler unverwarnt auf dem Platz standen.
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Die Schlacht ging weiter. Mittlerweile hatte sich der Himmel über Sao Paulo zugezogen. Tiefgraue Wolken.
Und die Panteras setzten ihre aggressive Spielweise fort, während sich die Timao um Konstruktivität bemühte. Als Botafogo dann in der 52. Minute der Ausgleich - in Folge eines nicht geahndeten Foulspiels - gelang, verloren zunächst die Fans, dann auch die Akteure der Heimmannschaft die Nerven. Massenweise Klopapierrollen flogen auf das Feld; minutenlange Schmähgesänge, die sonst nur den Teams der Erzrivalen Palmeiras und SPFC vergönnt sind, schallten durch das Stadion. Zugleich rannten mit Wiederanpfiff die Corinthians wie wild gegen den Ball, wollten so schnell wie möglich wieder in Führung gehen, das Tor erzwingen - und passten dabei ihr Fair-Play-Niveau an das des Gegners an.
Doch es kam wie es kommen musste, nur 6 Minuten nach dem Ausgleichstreffer spielte Botafogo einen Konter eiskalt zu Ende und ging mit 5:4 in Führung. Für Sekunden wurde es geisterhaft still im Pacaembu. Wie eingefroren standen die Corinthians-Spieler auf dem Platz. Auch an der Seitenlinie versteinerte Mienen, Trainer Dugarry blickte wie paralysiert irgendwo in die Ferne, richtete die Augen dann - kaum merklich - gen Himmel.
Es donnerte. Gewaltig. Erschütternd in die Stille hinein. Und plötzlich brachen sie auf, die tiefgrauen Wolken, entluden sich. Zunächst nur ein leichtes Nieseln. Und doch fühlten sich die wenigen, kleinen Tropfen unglaublich schwer an, wie Metallstifte prallten sie auf die Köpfe und Schultern der Spieler.
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Die Mannschaften bewegten sich langsam wieder in ihre Hälften zurück. Die Einen niedergeschlagen, frustriert; die Anderen abwartend, zurückhaltend. Mit einem ängstlich gen Himmel gewandten Blick pfiff der Schiedsrichter die Partie wieder an. Einem Weckton gleich schallte die Pfeife durch das Stadion, manch einer zuckte kurz zusammen, aus seiner Schockstarre erwacht.
Nun wurde das Spiel sehr zerfahren, destruktiv. Viel Mittelfeld-Gemetzel, kaum Torszenen. Nach einem weiteren, unter normalen Umständen rotwürdigem Foul diesmal an Ribeirao-Spieler João Henrique kam es zum ersten Mal zur längst überfälligen Rudelbildung. Die üblichen Nettigkeiten wurden ausgetauscht, Hand- und Bodyshakes, filmreife Theatralik. Begleitet wurde das Schauspiel von schwarz-weißem Bengalfeuer auf den Rängen. Am Ende mussten zwei Spieler mit Platzwunden am Spielfeldrand behandelt werden; dreimal zog der Schiri die Arschkarte.
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Durch die plötzliche Raumfreiheit wurde das Spiel offener. Beide Teams kamen nun wieder zu richtigen Torchancen, wobei die Brutalität nicht abnahm. Als der Rudelbildner João Henrique in der |
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75. Minute kurz vor der Strafraumgrenze selbst Hand bzw. Fuß anlegte und die 7. oder 8. tiefgelbe Karte der Partie zu sehen bekam, ergab sich eine gute Freistoß-Möglichkeit für Corinthians. Capitano Chicão - noch nicht des Feldes verwiesen - trat an, blieb zunächst in der Mauer - ja, es gab noch eine - hängen, verwandelte dann aber im Nachschuss zum 5-5-Ausgleich. Ohrenbetäubender Jubel brandete auf. Im Rausch der Gefühle sprang Chicão auf den Zaun - jenen Zaun, an dem einst Ronaldo folgenreich hängen blieb -, zog sich das Trikot vom Leibe und warf es in die Menge. Als sich der bereits tiefgelb verwarnte Kapitän - neu angekleidet - wieder zurück aufs Spielfeld begab, bildete sich erneut ein Rudel. Die Panteras forderten zurecht den roten Karton. Die zweite Spielfeld-Schlägerei des Abends endete wieder sehr farbenfroh. Erneut mussten drei Spieler, darunter auch Chicão und João Henrique, vorzeitig duschen gehen; die übrigen 16 Akteure waren nun allesamt gelb verwarnt.
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Inzwischen hingen die Rauchschwaden der Bengalfeuer tief über dem Spielfeld. Die Sichtweite reduzierte sich auf wenige Meter, bald richteten sich die Blicke des Publikums nur noch auf das Flimmern der LED-Leuchten auf der Anzeigetafel. 5:5, 76. Minute, 77. Minute... mehr war nicht zu erkennen.
Das Donnern hielt an, der Regen nahm zu, wurde nun zu einem richtigen Platzregen. Die Ersatzspieler und Co-Trainer hatten sich schon längst auf die schützende Ersatzbank verkrochen. Dugarry und Alex hingegen, die beiden Chef-Coaches, standen weiterhin dort im Regen, mit verbissener Miene, hilflos das Gemetzel auf dem Rasen betrachtend.
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Und so flimmerte die Anzeigetafel vor sich hin. Stolz hing sie dort, ein unverhoffter Blickfang, im Mittelpunkt, den Moment genießend.
Dann, die 88. Minute. Neue Leuchtdioden tauchten auf, irgendwo im Nebel. Aber weiter unten, am Spielfeldrand: "06" - die Nachspielzeit.
Die 93. Minute, noch etwas mehr als drei Minuten waren zu spielen. Plötzlich ertönte in einer Ecke des Stadions ein Pfeifkonzert. Einer der verbliebenen 7 Feldspieler von Ribeirao trat aus dem Nebel hervor, legte sich den Ball zurecht, schoß die Ecke, wartete, riss dann die Arme hoch und rannte zurück ins Nichts.
Die Anzeigetafel reagierte langsamer, scheinbar widerwillig:
Corinthians 5-6 Ribeirao, 92. Minute.
Das Publikum reagierte promt. Die Mehrzahl drängte bestürzt, abgefertigt, niedergeschlagen, mit Tränen in den Augen zu den Ausgängen. Einige Ultras hingegen krallten sich an die Zäune, skandierten Hasstiraden, Schmähgesänge. Warfen Schuhe und Mützen in den Nebel. Dann der Abpfiff.
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Botafogo-Coach Alex huschte ein teuflisches Grinsen übers Gesicht. Ansonsten keine Gefühlsregung.
Sein Gegenüber Dugarry schüttelte nur den Kopf, zuckte dann die Schultern, inhalierte den grau-weißen Nebel in tiefen Zügen, nahm die einzigartige Atmosphäre, den Moment in sich auf. Schien es beinahe zu geniessen, den Regen, die schwüle Nässe, untermalt vom markerschütternden Donnern, die Rufe, Gesänge im Nebel.
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Botafogo Ribeirao gewann dieses Spiel mit 6:5. Ein erstaunlicher Kraftakt. Noch bemerkenswerter vor der Hintergrund, dass es dem Rekordmeister Botafogo Ribeirao in 19 Saisons noch nie gelungen ist, so früh in der Saison 6 Tore zu erzielen - und, dass Trainer Alex bereits letzte Saison mit seinem damaligen Club CA Bragantino 6 Tore im Pacaembu erzielte...
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Die anschließende PK eröffnete ein Reporter mit der Frage, ob hier und heute eine neue Erzfeindschaft im brasilianischen Fußball entstanden sei. Timao-Coach Dugarry antwortete mit einem Sprichwort: "De pequenino e que torce o pepino.", stand dann auf, schaltete sein Micro aus und verließ den Pressesaal. |
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03.07.2011 00:33 -
Dugarry -
SC Corinthians Paulista
(0.3 TK)
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