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Der Tod in den Anden
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Es ist Anfang August und, nach naßkalten Wochen, ein falscher Hochsommer eingefallen. Die chilenischen Berghänge, obgleich nur erst zart benässt, sind dumpfig wie im November und in der Nähe der Stadt voller Fans und Anhänger, die ihren Libelingsklub, den CDOH, sehen wollten. Am Stadion, wohin stillere und stillere Wege ihn geführt hatten, hat der Trainer, der beleibte und rappeldürre fubini, ein kleine Weile die volkstümlich belebten Zuschauerränge überblickt, an dessen Rande einige Ordner versuchten, die in hektischer Ekstase, die heidnischen Ursprungs erschienen, umhervagabundierenden Fußballbegeisterten innerhalb der durch sonderliche Vorschriften in unerkennbaren Mustern verbauten Absperrungen zu halten, nicht zuletzt um ein ungesteuertes, ja chaotisches Ausbrechen der verrückt, sogar entrückt anmutenden Menschenmenge auf den grünen Teppich, das Heiligtum dieses Tempels, zu verhindern.
Ob er nun aus dem Innern der Katakomben durch das bronzenen Tor hervorgetreten oder von außen unversehens heran und hinauf gelangt war, blieb ungewiß. Mäßig hochgewachsen, mager, nartlos und auffalend stumpfnäsig, gehörte der Hauptübungsleiter zum rothaarigen Typ und besaß dessen milchige und sommersprossige Haut. Die chilenischen Andensonne brannte auf den hager dem losen Sporthemd entwacchsenen Halse und färbte die Haut in einem Tone, der unentscheidbar zwischen Rost und Rot pendelte. Er dachte an seine Arbeit, dachte an die Stelle, an der er sie auch heute wieder, wie gestern schon, hatte verlassen müssen und die weder geduldiger Pflege noch einem raschen
Handstreich sich fügen zu wollen schien. "Man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen" hatte Camus einmal geschrieben, und hier, unter der gleißenden Sonne Südamerikas, die die Luft |
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vor den Augen flimmernd machte, hier füllte die Erkenntnis über die inhärente Wahrheit dieses Satzes den Kopf, den Bauch und die Lungen des Trainers.
Jeden Tag aufs Neue kommt fubini auf das Trainingsgelände und bringt den müden Kickern die Grundbegriffe des modernen Fußballs bei. Eine absurde Situation, absurd in dem Sinne, dass es einerseits eine grundsätzlich sinnlose Tätigkeit ist, es ist kein Sinn zu erkennen, faulen, Technik und Taktik abgeneigten Millionären eine Kunst beizubringen, die an und für sich genommen genau die Sinnlosigkeit definiert, der man entfliehen will; auf der anderen Seite herrscht in einem Menschen, in einem Trainer aber doch der Gedanke vor, seinem eigenen Handeln und Tun einen Sinn zu geben, der eigenen Existenz eine Essenz zu geben, da sich ansonsten die Frage stellt, warum man die Bürde des Lebens auf sich nimmt.
In der Akzeptanz dieses Dilemmas - der Erkenntnis folgend -, in dem Wissen, dass es kein sinnvolles Leben aus sich selbst heraus gibt, kann man der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt die Umarmung entgegenbringen, die eine eigene Sinnhaftigkeit in der Revolte gegen die Absurdität fundamentiert. Aus dieser Sicht heraus, den Göttern lachend ob der eigenen Strafe entgegentretend, den Felsen wieder und wieder den Berg hinauf bringen, jeden Morgen zu seinem Stein zurückkehrend ihn "Freund" nennen, dass ist das Ziel, welches sich auch in fubinis Tagesablauf widerspiegelt. Jenden Tag zu seinen talentbefreiten Spielern zurückkehren, jeden Tag die Abseitsfalle trainieren und am Wochenende steht wieder einer hintendrinn, jeden Tag das Kurzpassspiel loben, und am Wochenende gibts doch nur den langen Ball, der verlorengeht. Und der Trainer geht abends nach Hause und freut sich auf den nächsten Tag.
Wir müssen uns fubini als glücklichen Menschen vorstellen. |
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31.07.2014 13:45 -
fubini -
CD O'Higgins
(0.3 TK)
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